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Birgit Fürst

Aktivitäten

Ehemalige Schüler des BvS berichten:
Interview mit Birgit Fürst

Exportschlager Umweltbewusstsein – wie unsere ehemalige Schülerin ihr Umweltbewusstsein in den Fernen Osten exportiert

Mit großem Engagement und persönlichem Einsatz setzt sich Frau Fürst in Japan auf vielfältige Weise für verschiedenste Umweltthemen ein. Und sie beweist dadurch, dass auch ein Einzelner in Sachen Umweltbewusstsein und Umweltschutz viel bewirken kann.

föv: Pfuhl – Sapporo; nicht gerade zwei Städtenamen, die in einem Atemzug genannt werden. Wie haben sich diese beiden Orte für Sie zusammengefügt?

BF: Im Jahr 1985 – meinem Abiturjahr – hatte ich die Möglichkeit, über die Deutsche Sportjugend an einem Austauschprogramm teilzunehmen. Der Aufenthalt dort war für mich sehr interessant, insbesondere hat mich die Stadt Minamata beeindruckt, so dass ich mich zum Studium der Umweltpolitik und der Japanologie in München und Berlin entschloss.

föv: Dazu mussten Sie wohl zunächst Japanisch lernen. War das nicht sehr schwierig, zumal es sich hier um eine Sprache handelt, welche sowohl mündlich als auch schriftlich nicht viel mit ihrer Muttersprache Deutsch gemein hat.

BF: Die Grundlagen lernte ich an der Uni in München und vor allem in Berlin. Und die Aufenthalte in Japan taten ein Übriges – ich war häufig als ehrenamtliche Dolmetscherin für den Austausch unter Bürgerinitiativen, organisiert vom Deutsch-Japanischen Friedensforum e. V., unterwegs. Motivierend war auch – egal auf welchem Level – gebraucht und stets gelobt zu werden.

föv: Hatten Sie auch während des Studiums die Möglichkeit, Kontakte nach Japan zu pflegen?

BF: Ja, das war mir auch sehr wichtig. Ich konnte während eines Auslandsjahres an der Uni in Kumamoto viele Eindrücke gewinnen und ein Praktikum bei einem Verlag in Tokio absolvieren.

föv: Nach Ihrem Studium entschieden Sie sich dafür, ganz in Japan zu leben. Wie kam es dazu?

BF: Ich bekam das Angebot, als Koordinatorin für internationale Beziehungen bei einer Stiftung der Stadt Sapporo zu arbeiten, was mich sehr interessierte. Mein Einsatz für Umweltthemen führte dazu, dass ich in die Umweltkommission der Stadt Sapporo berufen wurde, deren Vorsitzende ich 1998 bis 2000 war. Diese Arbeit liegt mir sehr am Herzen, da das Umweltbewusstsein damals in Japan insgesamt nicht sehr groß war. Beispielsweise bestand hier geradezu ein „Verpackungswahn“ und auch Radwege waren so gut wie nicht vorhanden.

Weihnachtsmarkt in
Hakkenzan/Japan mit
Bastelarbeiten aus
Naturmaterialien, welche
während der Workshops
gefertigt wurden

föv: Ihre gesamte berufliche Laufbahn spielt sich auf der Ebene des Umweltschutzes und Energie ab. Welche Unterschiede – und auch Möglichkeiten – sehen Sie zwischen dem Bewusstsein der deutschen und japanischen Bevölkerung?

BF: Besonders seit der Katastrophe vom 11. März 2011 sind Energiethemen sehr zentral. Die deutsche Energiewende ist ein großes Vorbild für viele engagierte Menschen in Japan. Bio-Energie-Dörfer oder Bürger-Stromgenossenschaften, das sind positive Beispiele, die viel Mut machen, auch in Japan einen anderen Weg zu gehen. Viele Japaner haben nur geringe Erfahrungen im Bürger-Engagement. In meinem Beruf und Engagement treffe ich allerdings täglich sehr motivierte Menschen mit Visionen. Ich denke, ich habe da schon den einen oder anderen von den Chancen der lokalen Energieerzeugung überzeugt.

föv: Noch einmal zurück zu Ihrer Entscheidung, das Leben im beschaulichen Neu-Ulm mit seinen ca. 58.500 Einwohnern gegen das in Sapporo mit etwa 1,9 Mio. Einwohnern auszutauschen. Was sind die wesentlichsten Unterschiede im täglichen Leben?

BF: Ich lebe ja am Stadtrand in einem Einfamilienhäusle mit Blick auf Berge und Wälder, wo man das Treiben der Großstadt gut mal vergessen kann. Es ist auch gar nicht so städtisch hier – wir haben sogar wilde Braunbären in unserem Stadtteil, so dass die Joggingstrecke des Volleyball-Clubs meiner Tochter von Zeit zu Zeit ins schulische Treppenhaus verlegt wurde.
Am meisten geht mir der gemütliche deutsche Sonntag ab. Sonntag ist in Japan für viele DER Shopping-Tag. Außerdem fehlt mir die historische Stadtkulisse von Ulm
... und natürlich das NABADA!
Schön am Leben in Japan sind die Höflichkeit im Umgang, die heißen Quellen und –
natürlich das Essen.

föv: Zwischenzeitlich haben Sie auch drei Kinder im Alter von 12, 13 und 15 Jahren, welche in Japan zur Schule gehen. Gibt es Unterschiede zum deutschen Schulsystem und wenn ja, welche?

BF: Die Kinder dürfen nicht mit dem Rad zur Schule kommen, das hält die Schule für zu gefährlich.
Der tägliche Unterricht geht bis 15 oder 16 Uhr und alle Kinder erhalten ein warmes
Schulessen nach ausgewogenem Speiseplan. Das ist sehr praktisch für berufstätige Eltern.
Hausaufgaben sind natürlich auch zu erledigen.
Die Grundschule dauert sechs Jahre, dann kommen drei Jahre „Junior Highschool“.
Ab der siebten Klasse tragen alle Schüler eine Schuluniform. Danach folgen weitere drei Jahre „Highschool“. Hierfür muss man Aufnahmeprüfungen bestehen, so dass die Schüler sich nach dem Level der Schulen neu sortieren. Jeder versucht , die für ihn beste Schule zu erreichen. Dafür fahren die Schüler oft sehr weit. Bei meiner ältesten Tochter steht die Prüfung im nächsten Jahr an. Die Schuljahre beginnen übrigens im April.
Im Unterschied zu Deutschland gibt es in Japan wenig örtliche Vereine, in welchen
die Kinder ihren sportlichen Neigungen nachgehen können, dafür gibt es Schulsport- Vereine.
Sportarten, die in der eigenen Schule nicht angeboten werden, kann man auch in
diesen Schulsport-Vereinen betreiben und sich als Schulsport anerkennen lassen,
z.B. für Wettkämpfe.
Ich persönlich finde, dass die Kinder hier zu lange am Tag im gleichen System
eingespannt sind. In Deutschland hat ein Schüler, der in der Schule einen schweren Stand hat, die Möglichkeit, sich zum Beispiel im Verein in einem anderen gesellschaftlichen Umfeld zu entfalten.
Ein ganz wesentlicher Unterschied ist, dass die Schüler in Japan bis zum Abitur
lediglich Englisch als Fremdsprache lernen. Das finde ich sehr schade.

föv: Und wie sieht es mit außerschulischen Kontakten zu Freunden aus? Haben die Kinder hierzu Gelegenheit?

BF: Auch die japanischen Kinder treffen sich nach der Schule zum Spielen oder besuchen sich gegenseitig oder sie gehen am Wochenende gemeinsam ins Kino u.s.w. ...

föv: Nun interessiert uns natürlich noch, wie Ihr ganz persönliches Leben jetzt in Japan aussieht.

BF: Mein Mann betreibt eine touristische Obstfarm mit Restaurant-Betrieb. Ich versuche, mein Engagement mit dem Hof zu vernetzen. Wir führen beispielsweise Teambuilding-Projekte für Firmen und Schulklassen im Bereich Energie durch. Als Vorsitzende eines Vereins, der sich der Umwelt-, insbesondere der Energie- Pädagogik verschrieben hat, setze ich viele Ideen aus Deutschland in Japan um. Beispielsweise haben wir ein solares Kühlsystem für Eis nachgebaut und einen kleinen Solarkocher sowie solare Wasserspiele.

Als Umweltberaterin werde ich viel zu Vorträgen und Projekt-Mitarbeit eingeladen. Hier organisiere ich Studienreisen und koordiniere Info-Recherchen zu Umweltthemen.
Ende Juli 2014 habe ich eine Gruppe von 16-jährigen Schülern einer SuperScience
HighSchool nach Deutschland begleitet, denen ich auch den solarbedachten Fahrradparkplatz und das Solarhaus am BvS vorgestellt habe.
Mit Freunden baue ich derzeit eine Beratungsfirma auf, die sich der Energie-
Effizienzsteigerung in Gebäuden widmet.

Birgit Fürst übersetzt bei ihrem
Besuch am BvS die Erläuterungen
des Vorstands des Fördervereins
(Karin Theimer und Albrecht
Grosch) für die japanischen Schüler

föv: Liebe Frau Fürst, wir bedanken uns ganz herzlich für die umfassenden Informationen über Ihr Leben im fernen Japan und wünschen Ihnen und Ihren Projekten alles Gute.

BF: Ich danke Ihnen für Ihr Interesse.
Vielleicht entsteht ja das ein oder andere neue Projekt aus diesem Interview.
Ich würde mich freuen von alten oder neuen BvSlern zu hören. Wenn ich irgendwo weiterhelfen kann – beispielsweise mit Kontakten für einen Besuch in Japan -, tue ich das gerne.

föv: Dieses Angebot geben wir sehr gerne an unsere Leserinnen und Leser weiter.
Die Kontaktdaten von Frau Fürst sind:

www.hakkenzan.jp
www.hakkenzan.jp/ecocatering

(Anmerkung: Hakkenzan ist ein 498 m hoher Berg bei Sapporo, der seinen Namen den an Schwerter erinnernden Felsen auf seinem Gipfel verdankt.)

E-Mail: QWK10477@nifty.com

Interview geführt von: Karin Theimer
Fotos: Karin Theimer, Birgit Fürst


 
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